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Die Erfindung des „Alto Adige“

Ein Blick auf die Landkarte Südtirols bestätigt, dass der Geist des Faschismus noch lange nicht überwunden ist. Was es dort zu sehen gibt, ist ein Skandal für das moderne Europa. In einer kleinen Provinz im Norden Italiens wird die Bevölkerung gezwungen, Mussolinis Handschrift auf ihren Ortstafeln zu akzeptieren.

Tolomei und die Faschisten

Lagundo, Marlengo, Silandro, Naturno, und wie sie alle heißen. Diese Namen sind Relikte aus einer Zeit, in der die Faschisten mit aller Gewalt versuchten, alles Deutschsprachige aus Südtirol zu vertreiben.
Die deutschen und ladinischen Ortsnamen in Südtirol sind im Laufe der Zeit durch das Zusammenleben von Germanen und Rätoromanen entstanden. Der Nationalist Ettore Tolomei (Bild), in Rovereto geboren, sah hingegen am Brenner die natürliche und völkische Grenze Italiens. Schon früh beschäftigte sich mit der Namenskunde Südtirols und übersetzte willkürlich zahlreiche Ortsnamen ins Italienische. Nach dem Ersten Weltkrieg gaukelte er den Siegermächten mit seinen Namenskonstrukten die Italianität des Gebiets vor. Sie sollten belegen, dass Südtirol seit der Römerzeit von den Romanen und deren direkten Nachfahren – den Italienern – besiedelt gewesen sei.
Aber erst mit der Herrschaft des Faschismus stießen seine Ideen auf reges Interesse. 1921 trat er in die „Partito Nazionale Faschista“ ein und wurde beauftragt, neue Ortsnamensbezeichnungen für Südtirol zu erstellen. Aus Südtirol wurde so Alto Adige, und auch die Familiennamen fielen seiner Phantasie zum Opfer. 1952 starb er, sein Werk aber hat sich bis heute gehalten.

Die Situation heute

Noch heute gelten nur die italienischen Ortsnamen als amtlich, die historisch gewachsenen deutschen und ladinischen sind nur geduldet und können sich auf keine rechtliche Legitimation stützen. Zu beachten ist aber, dass auch etliche italienische Ortsnamen (wie z.B. Bolzano, Merano, Postal und Gargazzone) geschichtlich entstanden sind und vor der Zeit Mussolinis im Gebrauch waren. Auch dies gilt es zu berücksichtigen. Der Großteil der italienischen Ortsnamen aber sind Tolomeis Werk und eine Beleidigung für die ganze Bevölkerung. Die Regelung der Ortsnamensfrage richtet sich keineswegs gegen die italienischen Südtiroler, sie soll einzig der Überwindung des Faschismus dienlich sein. Da ja auch unzählige Italiener unter Mussolini leiden mussten, ist es ein Begehren, welches alle drei Sprachgruppen einen sollte. Allzu oft aber wurde dieses Problem von deutscher Seite ethnisch ausgeschlachtet.

Kann Unrecht durch Gewohnheit Recht werden?

Mit Sicherheit nicht. Es gibt genügend ähnliche Beispiele, die gerecht gelöst wurden. So strich man in Katalonien die aufgedrückten hispanischen Namen nach 250 Jahren au dem amtlichen Gebrauch. Im Aostatal wurden 1945 die faschistischen Namen abgeschafft und nur die historischen haben amtliche Geltung. Weitere Fälle gibt es auch in Großbritannien, Friesland und den baltischen Republiken. Wieso geschah dies nicht auch schon in Südtirol, obwohl doch die Landesregierung bemächtigt ist, Gesetzesbestimmungen auf dem Gebiet der Ortsnamensgebung zu erlassen?

Die Lösungsvorschläge

1. Nach der „historische Lösung“ würden alle faschistischen, von Tolomei erfundenen Namen abgeschafft. Geltung haben nur historisch gewachsene deutsche, ladinische und italienische Namen.

2. Nach der „Prozentlösung“ werden Ortschaften dann amtlich zwei- oder dreinamig, sofern eine zweite oder dritte Sprachgruppe einen festgelegten Prozentsatz in der betroffenen Ortschaft überschreitet. Dabei würden aber einige faschistische Namen amtlich bleiben.

3. Nach Durnwalders Lösung kommen all jene Namen, die auch tatsächlich verwendet werden, in ein Verzeichnis des Landes und werden somit amtlich. Je nach Stärke der Sprachgruppe im betroffenen Ort werden sie dann gereiht. Mit der Erhebung dieser Namen soll das Statistikinstitut betraut werden.

Es ist endlich an der Zeit, eine Regelung in dieser Frage zu finden. Denn es kann nicht angehen, dass sich Eigennamen, die ein wesentlicher Teil der Kultur sind, den Phantastereien eines Faschisten unterzuordnen haben. Auf keinen Fall aber darf die Diskussion unsachlich von in ethnischen Barrieren feststeckenden Populisten geführt werden, denn das friedliche Zusammenleben der Sprachgruppen und die Interessen aller müssen berücksichtigt werden.

Des Menschen höchstes Gut ist seine Menschlichkeit.

 

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