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Bericht Viel mehr als StraSSenschlachten
Vom 2. bis 8. Juni fanden die Protestveranstaltungen rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm bei Rostock statt.
Wer vom G8-Gipfel nur freundlich lächelnde Regierungschefs auf der einen und vermummte Steinewerfer vor brennenden Autos auf der anderen Seite mitbekommen hat, der oder die ist den Medien voll auf den Leim gegangen. Rostock war mehr – viel mehr. Sechs Jugendliche aus verschiedenen Teilen Südtirols waren wir, die ihren Unmut über die einseitige, wirtschaftliche Globalisierung live vor Ort kundtun wollten und gemeinsam dorthin gefahren sind. Am 1. Juni mittags begann die rund 16-stündige Fahrt nach Rostock, wo wir pünktlich um 8 Uhr morgens ankamen – zusammen mit tausenden anderen GlobalisierungkritikerInnen.
Die Großdemonstration – ein buntes Farbenmeer Vom Hauptbahnhof aus startete unser Demonstrationszug mit Ziel Stadthafen. Grob eingeteilt war er in etliche Blöcke, von Attac über Gewerkschaften bis hin zur Interventionistische Linken stand ein breites Spektrum zur Auswahl. Inhaltlich, aber auch akustisch sprach uns der Attac-Block am meisten zu, da die hauseigenen Samba-Trommelgruppe für ausgelassene volksfestartige Stimmung sorgte und zum Tanzen und Springen verführte. Völlig friedlich verlief so unser Zug durch die Straßen der Hansestadt bis zum Stadthafen, die Polizei war martialisch gekleidet präsent, hielt sich aber zurück. Erst dort, als die Menschenmassen sich gen Bühne bewegten, kam es zu den gewalttätigen Ausschreitungen, die das Medienbild bestimmten und sich wie ein Schatten über die Anliegen der friedlichen DemonstrantInnen legten.
Gewollte Gewalt Die Frage nach der Schuld darf nicht unkritisch beantwortet werden. Denn beide Seiten – gewaltbereite Autonome aber auch die Polizei – sind dafür verantwortlich. Nutznießer von diesem Bild, das dadurch entstanden ist, sind eindeutig die Regierungschefs der G8-Staaten selbst. Denn so dominiert Gewalt über Inhalt, die berechtigte Kritik an G8 und Globalisierung bleibt ungehört, die DemonstrantInnen werden als Terroristen abgestempelt. Die Eskalation wurde bewusst herbeigeführt: Das Gewaltpotential bei einigen Teilnehmern war bekannt, die Provokationen der Sicherheitskräfte taten das übrige. Aber zum Glück beruhigte sich die Situation, nachdem sich die Polizei zurückgezogen hatte, und das Konzert mit Interpreten wie Silbermond und Wir sind Helden konnte zu einem gelungenen Auftakt des kulturellen Programmes werden.
Deutsche Organisation Während der Protestwoche waren wir im Camp Rostock untergebracht, in einer von mehreren Zeltstädten mit über 5000 Bewohnern. Dort herrschte vor allem eines: Solidarität. Bei einem Richtpreis für Unterkunft und Verpflegung stand es jedem frei, nach seinen Mitteln zu bezahlen. Die VoKü (Volksküche) lieferte 100%-ig vegan und biologisches Essen, weiters standen zwei große Versammlungszelte, Getränkeausgaben und Internetzugang zur Verfügung. Auch wir beteiligten uns an den allfälligen Arbeiten, die von Freiwilligen verrichtet wurden, und halfen einen Abend lang beim Abwasch.
Probleme und Alternativen aufzeigen Die folgenden Tage standen jeweils unter einem bestimmten Motto: So gab es den Aktionstag für Landwirtschaft, an dem Themen wie Gentechnik, ökologisches und nachhaltiger Anbau behandelt wurden, und den Aktionstag zur Migration, der Einwanderung, Asylrecht und Abschiebung behandelte. Der Dienstag war der Aktionstag gegen Krieg und Militarismus und gleichzeitig der Auftakt für den drei Tage dauernden Alternativgipfel. Der bekannte Schweizer Autor und UN-Sonderberichterstatter für Nahrung Jean Ziegler hielt als Eröffnungsrede einen aufrüttelnden Vortrag in der überfüllten Nikoleikirche. Danach hatte ich das Glück, ihm die Hand zu schütteln und meine Bewunderung kund zu tun. Beim Alternativgipfel boten die verschiedensten Organisationen, Verbände und Parteien Vorträge und Workshops zu bestimmten Themen an, an denen wir aber leider nicht teilnehmen konnten: Wir blockierten.
À la Ghandi Am Mittwoch fanden die Blockaden statt, friedliche Aktionen des zivilen Ungehorsams, deren Ziel es war, die Zufahrtsstraßen zum Ostseebad Heiligendamm, in dem sich die Regierungschefs verschanzt hatten, unpassierbar zu machen. Früh morgens ging es los, zuerst mit S-Bahn und Bus, bald aber zu Fuß, da die Polizei die Shuttlebusse aufgehalten hatte. Auf einem Sportplatz fanden sich gegen Mittag tausende DemonstrantInnen ein, die sich in fünf Gruppen aufteilten und Richtung östliche Zufahrtsstraße aufbrachen. Wir folgten der blauen Fahne, teils auf der Straße, dann wieder querfeldein. Nach geraumer Zeit galt es, die erste weiträumige Sperre der Polizei zu überwinden, was aufgrund unserer Masse schlussendlich auch gelang. Nachdem diese zwei weitere Male erfolglos versucht hatte, uns zu stoppen, erreichten wir die Straße, wo wir uns dann niederließen. Die Polizei war zwar vor Ort, ließ aber die rund 3000 friedlich sitzenden DemonstrantInnen unbehelligt. Von den Anwohnern empfingen wir unerwartete Solidarität, sie unterstützten uns mit Wasser, manche brachten uns sogar belegte Brote und Obst. Nachdem wir erfahren hatten, dass durch gleichzeitiger Blockade der anderen Zufahrtsstraßen, des Flughafens und der Autobahn die Eröffnung des Gipfels verzögert worden war, begab sich ein großer Teil – und so auch ich – wieder auf den nächtlichen Rückweg, voll Freude über die erfolgreiche, friedliche Aktion.
Musik und Botschaft Als Programmabschluss fand am Donnerstag ein Konzert der von Herbert Grönemeyer mitbegründeten Initiative „Deine Stimme gegen Armut“ statt. Interpreten wie Seeed, die Toten Hosen, der Sänger von U2 Bono Vox, Bob Geldorf und Grönemeyer selbst gaben Musikalisches zum Besten. Dazwischen wurden Kurzfilme aus Afrika gezeigt und Betroffene aus aller Welt angehört, die von ihrer Lage berichteten. Nebenbei präsentierten sich namhafte Organisationen wie Oxfam, das Bündnis „Erlassjahr.de“, Misereor, die Welthungerhilfe und „Brot für die Welt“. Mit 80.000 Besuchern kann das Konzert als voller Erfolg bezeichnet werden.
Zum Abschluss... Nach einer Abschlusskundgebung am Freitag, bei der noch rund 5000 TeilnehmenInnen anwesend waren, stiegen auch wir wieder in den Zug, der uns in unsere Heimat Südtirol bringen sollte. Unser Einsatz für eine gerechtere Welt und Globalisierung aber geht weiter. Die G8-Gipfelproteste haben es uns bewiesen: Eine andere Welt ist möglich, und auch friedlicher Protest dafür! |
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Einige Fotos von der Protestwoche |



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Des Menschen höchstes Gut ist seine Menschlichkeit.
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